Exogenes Laktat im Profi-Ausdauersport: ein Game-Changer?

Laktat galt lange als unerwünschtes Abfallprodukt des Stoffwechsels und wurde vorschnell für Übersäuerung, Ermüdung und Muskelkater verantwortlich gemacht. Heute wissen wir: Laktat ist ein wichtiger Energieträger, ein Bindeglied zwischen verschiedenen Geweben und ein Signalstoff. Auf dieser wissenschaftlich gut belegten Neubewertung baut die nächste Idee auf: Laktat nicht nur im Körper produzieren zu lassen, sondern es während sportlicher Belastungen als Gel oder Getränk zuzuführen.

Im professionellen Rennradsport ist diese Strategie 2026 sichtbar geworden. Auch aus dem Trailrunning liegen erste Berichte über einen Einsatz vor. Teilweise wird exogenes Laktat bereits als neuer „Game-Changer“ der Sporternährung bezeichnet. Doch dabei werden drei unterschiedliche Fragen vermischt:

  1. Kann der Körper Laktat als Energiequelle nutzen? Ja.
  2. Kann oral aufgenommenes Laktat während einer Belastung verwertet werden? Ebenfalls ja.
  3. Verbessert ein konkretes Laktatprodukt zuverlässig die Wettkampfleistung? Dafür fehlt bislang ein belastbarer Nachweis.

Was ist exogenes Laktat?

Als exogenes Laktat wird Laktat bezeichnet, das von außen zugeführt wird. In bisherigen Untersuchungen kamen unter anderem Natriumlaktat, Calciumlaktat, Magnesiumlaktat oder Polylaktat zum Einsatz. Neue Produkte kombinieren Laktat meistens mit Glukose und Fruktose in einem Gel oder Getränkepulver.

Davon zu unterscheiden sind Laktatmessungen zur Trainingssteuerung. Wenn bei einer Leistungsdiagnostik Blut aus dem Ohrläppchen oder Finger entnommen wird, misst man das körpereigene Laktat. Das ist keine Laktatsupplementierung. Ebenso wenig dürfen exogenes Laktat und exogene Ketone gleichgesetzt werden: Es handelt sich um unterschiedliche Stoffklassen und Strategien.

Auch sprachlich ist eine Korrektur wichtig. Unter physiologischen Bedingungen liegt nahezu vollständig Laktat und nicht „Milchsäure“ vor. Die Bildung von Laktat ermöglicht unter anderem die Regeneration von NAD+, das für die Glykolyse benötigt wird. Der pH-Abfall bei intensiver Belastung entsteht aus dem gesamten hohen Energieumsatz und einer zeitweise begrenzten Puffer- und Transportkapazität. Laktat ist weder der alleinige Verursacher der belastungsbedingten Azidose noch die Ursache des verzögert auftretenden Muskelkaters.

Diese Neubewertung darf allerdings nicht zum gegenteiligen Fehlschluss führen: Die Tatsache, dass Laktat im Körper eine wichtige Funktion erfüllt, beweist noch keine leistungssteigernde Wirkung eines Supplements.

Warum die Idee trotzdem plausibel ist

Das sogenannte Lactate-Shuttle-Modell beschreibt Laktat als beweglichen Kohlenstoff- und Energieträger. Glykolytisch aktive Muskelfasern können Laktat freisetzen. Oxidative Muskelfasern, Herz und andere Gewebe nehmen es anschließend auf und nutzen es zur Energiegewinnung. Die Leber kann Laktat zur Glukoseneubildung verwenden. Bei erhöhter Verfügbarkeit nutzt auch das Gehirn mehr Laktat und weniger Glukose.

Untersuchungen mit markierten Substraten zeigen, dass die Laktatoxidation mit der Belastungsintensität steigt. Trainierte Personen können Laktat besonders effektiv umsetzen. Wird die Laktatkonzentration im Blut durch eine Infusion erhöht, nimmt die Laktatoxidation zu, während die Glukoseoxidation sinken kann. Das spricht grundsätzlich für einen möglichen Glukose- oder Glykogenspareffekt.

Für die Supplementierung ergibt sich daraus eine nachvollziehbare Hypothese: Oral aufgenommenes Laktat könnte einen zusätzlichen oxidierbaren Energieträger bereitstellen, die Nutzung anderer Kohlenhydrate beeinflussen und über Laktatsalze möglicherweise auch die Pufferlage verändern. Da Laktat im Darm nicht exakt dieselben Transportwege wie Glukose und Fruktose nutzt, wird außerdem vermutet, dass es die Energiezufuhr über die bekannten Grenzen der Kohlenhydrataufnahme hinaus erweitern könnte.

Genau dieser letzte Schritt ist jedoch noch nicht belegt. Aus einem vorhandenen Transportweg folgt nicht automatisch, dass bei bereits hoher Kohlenhydratzufuhr mehr nutzbare Gesamtenergie oder eine bessere Leistung entsteht.

Was die Humanstudien zeigen

Eine zentrale Tracerstudie untersuchte sechs Männer, die während zweistündigem Radfahren gleichzeitig 25 Gramm markiertes Laktat und 75 Gramm Glukose aufnahmen. Etwa 45 Prozent des zugeführten Laktats wurden oxidiert. Wegen der begrenzten verträglichen Menge lieferte das Laktat jedoch nur ungefähr 2,6 Prozent des gesamten Energieumsatzes. Die Studie belegt damit die Verwertung, nicht aber eine Leistungssteigerung.

Bereits 1991 wurde ein Polylaktatgetränk bei fünf trainierten, nüchternen Radfahrern untersucht. Es beeinflusste Blutglukose und Pufferlage teilweise günstig, enthielt aber keinen aussagekräftigen Wettkampf- oder Zeitfahrtest.

In einer Untersuchung von Morris und Kollegen verbesserten 120 Milligramm Laktat pro Kilogramm Körpergewicht bei elf trainierten Radathletinnen und -athleten die Zeit bis zur Erschöpfung um 17 Prozent. Das klingt eindrucksvoll, bezog sich aber auf kurze, hochintensive Belastungen nach mehreren Vorbelastungen. Eine Fahrt bis zur Erschöpfung ist zudem weniger wettkampfnah und häufig variabler als ein festgelegtes Zeitfahren. Der Befund spricht eher für eine mögliche Pufferwirkung bei hochintensiver Belastung als für einen Vorteil bei langen Ausdauerrennen.

Eine Studie mit sieben freizeitaktiven Männern fand dagegen bei einem 40-Kilometer-Zeitfahren keine signifikante Leistungsverbesserung. Auch frühere Untersuchungen zu 20-Kilometer-Zeitfahren und längerem moderatem Radfahren blieben ohne klaren ergogenen Effekt.

2024 berichtete eine kleine randomisierte Crossover-Pilotstudie mit 15 regelmäßig aktiven Personen über eine durchschnittlich vier Prozent höhere Leistung während eines 20-minütigen Radzeitfahrens. VO₂peak, ventilatorische Schwelle und Laktatschwelle veränderten sich nicht. Nur drei Teilnehmende wurden als trainiert eingestuft. Außerdem wurde die Studie vom Hersteller des untersuchten Präparates finanziert, nach Angaben der Autoren ohne Einfluss auf Durchführung oder Veröffentlichung. Der Befund ist interessant, benötigt aber eine unabhängige Replikation mit größeren und leistungshomogeneren Gruppen.

Im selben Jahr untersuchte eine weitere randomisierte Crossover-Studie 16 trainierte männliche Straßenradsportler. Nach 120 Milligramm Laktat pro Kilogramm Körpergewicht absolvierten sie ein mehr als zweistündiges Protokoll mit wiederholten moderaten Belastungen sowie 1- und 4-Kilometer-Zeitfahren. Das Laktat veränderte die Säure-Basen-Lage und reduzierte die subjektive Anstrengung, verbesserte aber nicht die Leistung. Gleichzeitig nahmen Blähungen, Magenkrämpfe, Aufstoßen, Bauchschmerzen und Stuhldrang im Belastungsverlauf zu.

Eine Metaanalyse zu extrazellulären Puffersupplementen fand zwar insgesamt kleine positive Leistungseffekte. Von 189 eingeschlossenen Untersuchungen beschäftigten sich aber nur sieben mit Natrium- oder Calciumlaktat, während 158 Natriumbicarbonat untersuchten. Der Gesamteffekt darf deshalb nicht als spezifischer Nachweis für Laktat interpretiert werden. Innerhalb dieser Analyse zeigte Natriumbicarbonat die stärkere Evidenz.

Was im Profi-Radsport tatsächlich praktiziert wird

Bei der Tour de France 2026 bestätigte UAE Team Emirates-XRG öffentlich den selektiven Einsatz eines neuen Laktatproduktes. Nach Angaben des Teams enthielt eine Portion 10 Gramm Natriumlaktat und 90 Gramm Kohlenhydrate im Glukose-Fruktose-Verhältnis 2:1. Das Getränk wurde unter anderem beim Mannschaftszeitfahren und auf einer energieintensiven Bergetappe eingesetzt.

Der Teamernährungsberater beschrieb die Strategie selbst als noch erforschungsbedürftig. Sie wurde nicht bei jeder Etappe verwendet, sondern unter ausgewählten Bedingungen weiter erprobt. Das ist eine reale Anwendung im Profisport, aber noch kein Nachweis ihrer Wirksamkeit.

Hinzu kommt ein wesentliches methodisches Problem: Das Produkt enthält neben dem Natriumlaktat 90 Gramm Kohlenhydrate. Ohne ein Vergleichsgetränk mit identischer Energie-, Kohlenhydrat-, Natrium-, Flüssigkeits- und Geschmackszusammensetzung lässt sich eine mögliche Wirkung nicht dem Laktat zuschreiben.

Ein weiterer Hersteller berichtete, dass mehrere Fahrer der Tour de France sein Laktatgel verwenden würden. Solche Herstellerangaben zeigen das Interesse im Peloton, sagen aber nichts über individuelle Dosierungen oder messbare Leistungseffekte aus. Ein Etappensieg ist kein Produkttest. Training, Taktik, Aerodynamik, Material, Temperatur, Regeneration und die gesamte Verpflegungsstrategie beeinflussen das Ergebnis wesentlich stärker, als es eine einzelne Beobachtung auflösen könnte.

Leichtathletik: weniger belegt, als häufig suggeriert

Für den Laufbereich ist die öffentliche Dokumentation deutlich dünner. EL PAÍS berichtete 2026, dass der spanische Trailrunner Jan Torrella exogenes Laktat verwendet habe. Der spanische Leichtathletikverband bestätigt unabhängig davon seinen Europameistertitel im Up-and-Down-Trail. Der zeitliche Zusammenhang ist jedoch kein Wirksamkeitsnachweis.

In einer Verbandsdarstellung führt Torrella seine Entwicklung auf mehrere Faktoren zurück: kontinuierliches Training, ergänzendes Krafttraining, eine verbesserte Ernährung, bessere Regeneration und psychologische Unterstützung. Wie groß der Beitrag eines Laktatproduktes war, lässt sich daraus nicht ableiten.

Für Bahnleichtathletik und Straßenmarathon ist bislang keine gleichwertige öffentliche Bestätigung eines systematischen Wettkampfeinsatzes verfügbar. Medienaufnahmen der spanischen Marathon-Nationalmannschaft zeigen beispielsweise Laktatmessungen zur Tempokontrolle. Sie belegen nicht, dass die gezeigten Athletinnen exogenes Laktat eingenommen haben.

Sportartspezifisch wäre ein möglicher Nutzen bei langen Radrennen leichter vorstellbar als bei einem kurzen Bahnrennen. Das Fahrrad ermöglicht eine regelmäßige Aufnahme aus Flaschen, und die Belastungsdauer schafft Raum für eine relevante Energiezufuhr. Beim Laufen steigt dagegen mit hoher Zufuhrdichte und Intensität das Risiko für Magen-Darm-Probleme. Für Marathon und Trail wäre die Verträglichkeit daher mindestens so entscheidend wie die reine Oxidierbarkeit.

Bei Mittelstrecke und langen Sprints wäre eher eine Pufferwirkung denkbar. Dafür fehlen bislang jedoch überzeugende sportartspezifische Wettkampfstudien mit exogenem Laktat.

Die wichtigsten Werbeversprechen im Faktencheck

„Laktat liefert zusätzlichen Brennstoff.“
Das ist grundsätzlich richtig: Oral aufgenommenes Laktat kann während einer Belastung oxidiert werden. Der bisher direkt gemessene zusätzliche Energiebeitrag war allerdings klein. Ein Vorteil gegenüber einer optimierten Kohlenhydratzufuhr ist nicht nachgewiesen.

„Laktat umgeht die Kohlenhydratgrenze im Darm.“
Laktat nutzt nicht exakt dieselben intestinalen Transportwege wie Glukose und Fruktose. Ob dadurch bei bereits hoher Kohlenhydratzufuhr tatsächlich mehr nutzbare Energie bereitgestellt wird, ist offen. Hohe Laktatmengen können außerdem die Verträglichkeit begrenzen.

„Laktat puffert Säure und verzögert die Ermüdung.“
Laktatsalze können Bicarbonat und die Säure-Basen-Lage beeinflussen. Einzelne hochintensive Belastungsprotokolle waren positiv, andere Studien zeigten keine Leistungsverbesserung. Der Effekt hängt offenbar von Salz, Dosis, Einnahmezeitpunkt und Belastungsform ab. Für Natriumbicarbonat ist die Pufferwirkung besser belegt.

„Laktat signalisiert dem Körper mehr Leistung.“
Laktat ist tatsächlich ein Signalstoff und an trainingsinduzierten Anpassungsprozessen beteiligt. Eine molekulare Reaktion ist aber nicht automatisch akut leistungssteigernd. Produktbezogene Humanbelege für bessere Anpassung oder Wettkampfleistung fehlen.

Verträglichkeit, Sicherheit und Anti-Doping

Laktat wird in der WADA-Verbotsliste 2026 nicht als verbotene Substanz aufgeführt. Seine Verwendung ist damit grundsätzlich erlaubt. „WADA-konform“ ist jedoch kein Gütesiegel für Wirksamkeit, Reinheit oder gesundheitliche Unbedenklichkeit.

Besonders relevant ist die Magen-Darm-Verträglichkeit. Ältere Tracerstudien konnten nur begrenzte Laktatmengen ohne Beschwerden zuführen. Auch in der längeren Radstudie von 2024 nahmen mehrere gastrointestinale Symptome zu. Neue Rezepturen könnten Geschmack und Verträglichkeit verbessern, doch dafür fehlen bislang unabhängige Daten.

Zusätzlich ist das jeweilige Gegenion zu berücksichtigen. Natriumlaktat liefert Natrium, Calciumlaktat entsprechend Calcium. Die Gesamtmenge muss gemeinsam mit Sportgetränken, Elektrolytkapseln, Schweißverlusten, individueller Gesundheit und möglichen Medikamenten beurteilt werden. Selbstgemischte Lösungen aus Rohchemikalien sind daher keine verantwortbare Alternative.

Im Leistungssport sollten ausschließlich unabhängig chargengeprüfte Produkte eingesetzt werden. Das IOC empfiehlt außerdem, neue Supplements erst nach einer individuellen Bedarfsprüfung und mehrfacher Erprobung im Training im Wettkampf zu verwenden.

Fazit: Interessanter Feldversuch, noch kein Game-Changer

Der aktuelle Hype greift eine echte wissenschaftliche Neubewertung auf: Laktat ist Brennstoff, Shuttle und Signalstoff, nicht bloß ein Abfallprodukt. Die nächste Behauptung, oral zugeführtes Laktat verbessere zuverlässig die Ausdauerleistung, ist damit aber noch nicht bewiesen.

Im professionellen Rennradsport findet derzeit ein hochinteressanter Feldversuch statt. Aus dem Trailrunning gibt es erste Anwendungsberichte. Die bisherigen Humanstudien liefern einzelne positive Signale, mehrere Nullbefunde und deutliche Fragen zur Übertragbarkeit und Verträglichkeit. Für die neuen 2026 verwendeten Produkte fehlen vor allem unabhängige Studien an Eliteathleten unter moderner Kohlenhydratversorgung.

Exogenes Laktat ist deshalb derzeit als experimentelle Fueling-Strategie einzuordnen. Der Begriff „Game-Changer“ beschreibt vor allem die Erwartung. Die Evidenz ist noch nicht so weit.

Quellen